Wie die Frau unter Beschuss 40 Kinder aus Lysytschansk rettete.

Autor des Artikels: Hanna Argirowa

Nach 36 Tagen Leben in den Kellern wurde es unerträglich in Lysytschansk. Dann entschied die Sozialarbeiterin, die Evakuierung für vier Familien zu organisieren, die Waisenkinder pflegen.

„Manchmal kommt es mir vor, als ob mir die Luft fehle. Meine Luft. Luft von meiner Stadt, meinem Bezirk. Mir fehlen mein Zuhause und meine Hunde. Ich bitte meinen Papa manchmal, dass er ‚die Hunde ans Telefon holt‘, damit ich mit denen sprechen kann. Ich möchte so sehr nach Hause“, sagte Angelika Stoljarowa.

Sie kommt aus Lysytschansk und musste ihr Zuhause nach 36 Tagen im Keller verlassen.

In Lysytschansk betreute sie die Familienkinderheime. Das sind die Familien, die bis zu zehn Waisenkinder aufnehmen. Als die aktiven Kriegshandlungen begannen, kümmerte sich Angelika weiter um die Familien, die sie selber erschaffte. Jede Familie saß in eigenem Keller, und Angelika in eigenem, aber sie blieben immer in Verbindung.

Eines Tages wurde das Leben im Keller unerträglich, der Krieg ließ ihnen nur einen Ausweg für die Rettung – dringende Evakuierung. Angelika verließ Lysytschansk unter Beschuss zusammen mit den Familien, um die sie sich in den letzten Jahren kümmerte. Sie erzählte ihre Geschichte der Stiftung „Stimmen der Kinder“.

Hundert Kinder, die nicht ins Internat kamen

Der große Wunsch, den Kindern Liebe und Familie zu geben. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum ich schon 11 Jahre im Jugendamt von Lysytschansk arbeite. Ich kümmere mich um das Schicksal jedes Kindes, mit dem ich arbeite. Ich möchte, dass jedes Kind ihre Familie findet und als eine reife Persönlichkeit in die große Welt geht. Es ist kein Wunder, dass ich mich an das Schicksal jedes Kindes erinnere, das ich in den letzten 11 Jahren betreute. Ich verlor kein Kind aus den Augen. Wissen Sie, das ist solche Freude, wenn sie dich anrufen, dir jährlich zum Geburtstag gratulieren, obwohl sie selber schon erwachsen sind und eigenes Leben haben. Ja, es ist wahrscheinlich die große Liebe, die mir so viel Kraft gibt.

In den letzten drei Jahren erschaffe ich Familien (Familienkinderheime – Red.), früher betreute das Zentrum der sozialpsychologischen Rehabilitation, jetzt arbeite ich weiter dort mit Kindern, die in schwierige Lebenssituation gerieten.

Als ich begann, mit Familienkinderheimen zu arbeiten, gab es nur vier davon in Lysytschansk. Was ist das überhaupt? Das ist eine Familie, die zehn Kindern zur Pflege aufnimmt. Ich kenne eine Familie, die einen Sohn hat und neun Kinder aufnahm. Solche Form der Erziehung ist viel besser als ein Internat, aus dem Grund zum Beispiel, weil das Kind Mutter und Vater hat. Sie bringen dem Kind Waschen, Kochen und Aufräumen bei. Außerdem, wenn die Kinder erwachsen werden, kümmern sich die Familien weiter um sie, echte Familienbindungen entstehen, und die Kinder wollen später Kontakt zu den Eltern halten.

Außerdem sind das die Kinder, die viel im Leben durchmachten, darum muss man für sie Voraussetzungen schaffen, unter denen sie sich erholen können. Zum Beispiel, es gibt einen Jungen in der Familie, der sich zuerst unter Betten und Tischen versteckte. Jetzt geht er in die erste Klasse, aber in seinen ersten Lebensjahren schlief er in einem alten Schrank, sein Rücken im Nackenbereich war zerhackt, er hatte am Körper Verbrennungen durch Zigaretten. Seine Pflegefamilie hilft ihm, diesen Zustand der Starre und der Angst loszuwerden, Psychologen arbeiten mit ihm. Kinder werden umsorgt, man zeigt ihnen, dass man besser leben kann.

In den letzten drei Jahren haben wir noch 6 Familien erschaffen, insgesamt waren das zehn. Das sind hundert Kinder, die nicht zum Internat kamen und jetzt in den Pflegefamilien leben. 2022 haben wir geplant, noch drei Familien zu bilden, die schon bereit waren, die Kinder aufzunehmen. Wenn nicht der Krieg wäre, gäbe es jetzt 13 Familien in Lysytschansk. Aber derzeit sind unsere 10 Familien in der ganzen Ukraine zerstreut – in Gebieten Odessa, Lwiw, Wolyn und sogar im Ausland.

36 Tage in Kellern

Nach dem 24. Februar haben wir 36 Tage in den Kellern verbracht. Jede Familie lebte in eigenem Keller, aber wir blieben ständig in Verbindung. Mehrmals am Tag telefonierte ich mit Müttern und Vätern, um Neues über ihre Situation zu erfahren. Zum Beispiel, am ersten Tag explodierte ein Geschoss im Hof einer Familie, bei einer anderen beschädigte ein Raketenbruchstück das Haus. Ich musste verstehen, was in jeder Familie geschieht. Sogar während der Kriegshandlungen konnte ich meine Familien nicht im Stich lassen. Es geht nicht, dass ich zuerst diese Familien ins Leben rufe und dann verlasse. Arbeit ist meine zweite Familie.

Kinder ernährten sich und lebten in den Kellern. Seit den ersten Tagen der Invasion hatten wir nicht genug Wasser. Wir mussten den Schnee schmelzen, damals gab es Schneefälle.

Kinder bekamen begrenzte Mengen an Wasser, denn Situation war sehr angespannt. Manchmal gab es kein Gas, aber die Stadtwerke arbeiteten ständig an der Wiederherstellung der Leitungen. Es gab in der Stadt Bezirke ohne Strom, dort wurden die Notstromaggregate eingesetzt.

Früher achtete ich darauf, dass die Kinder in guten Verhältnissen leben, kontrollierte Familien in gewisser Weise – die Kinder sollten gut versorgt werden und regelmäßig zur medizinischen Kontrolle kommen. Also konnte ich während der Kriegshandlungen nicht damit aufhören. Meine Arbeit hat sich etwas verändert – jetzt fragte ich die Eltern, ob sie genug zum Essen haben, und brachte ehrenamtliche Helfer mit Familien zusammen, damit das Nötigste zugestellt werden konnte.

Wissen Sie, wie Mamas die Spiele organisierten? Man hatte Angst, aus dem Keller ins Haus zu gehen, darum zerriss Mama ein Kissen, und Kinder durften mit den Federn spielen. Kinder mussten beschäftigt werden. Wir versuchten dort zu lesen, zu schreiben und zu malen, und zum Spielen hatten wir dort die Federn. Um sie irgendwie von diesen schrecklichen Geräuschen abzulenken.

Später konnten wir schon die Geräusche unterscheiden, wann man auf uns und wann man aus unserer Richtung schoss. Wenn man dieses durchdringende Geräusch hörte, wusste man – es wird auf uns geschossen.

Die Kinder waren sehr erschrocken.

Lasst uns wegfahren

Lange wollte ich nicht wegziehen. Vielleicht hoffte ich, dass alles so wie 2014 sein wird. Damals saßen wir auch in den Kellern, aber es war schnell vorbei, etwa nach einer Woche. Dann sagte eine Mama: „Lasst uns wegfahren“.

Ich habe das örtliche Jugendamt kontaktiert. Sie halfen uns, die Evakuierung zu organisieren. Wir hatten 30-40 Minuten, um unsere Sachen zu packen. Es ist ungewiss, ob ich jetzt noch am Leben wäre, wenn diese Mutter mich nicht zur Evakuierung überredete. Wir standen damals im Hof, gerieten unter Beschuss, die Splitter flogen um uns herum. Sie stieß mich Richtung Haus, und der Splitter fiel da, wo wir vorher standen. Das passierte, als wir unsere Sachen packten. Eine andere Familie verließ ihr Haus 2-3 Minuten bevor ihre ganze Straße im Flammen stand.

Wir wurden beschossen, während wir wegfuhren. Letztendlich waren das die Familien, die mich überzeugten, wegzuziehen. Ich fuhr mit zwei Familien, im Zug redete ich noch mit vier anderen.

Kinder zeigten keine Angst während der akuten Gefahr, aber schon im Zug hatte der erlebte Stress seine Folgen: Sie freuten sich sehr über Wasser, schrien zusammen „Wasser!“, als sie es im Zug sahen. Wegen Nervosität hatten sie Inkontinenzprobleme, ein Junge stotterte plötzlich. Vorher gab es nichts Ähnliches.

Als wir in Lwiw ankamen und die Kinder sich anziehen, begannen sie, aus den Fenstern des Zuges zu schauen.  Und einer von ihnen rief laut: „Schau, das Wappen der Ukraine“. Dann korrigierte ihn seine Mutter: „Es ist kein Wappen, sondern eine Flagge.“ 

Und die kleinen Kinder, 6-7 Jahre alt, begannen gemeinsam die ukrainische Nationalhymne zu singen.  Sie legen ihre Hand auf ihr Herz. 

Die Schaffnerin war schockiert, dass Kinder aus der Ostukraine die Hymne kannten.  „Wie gut ihr seid“, sagte sie ihnen.

 Wir begannen, den Kindern zu erklären, dass wir jetzt nach Lwiw kommen, dass dies die Westukraine ist und dass wir aus der Ostukraine kommen.  Und das ist vorübergehend.  Sie begrüßten ihr neues Zuhause mit Freude und Begeisterung.

Illustration: Marysa Rudska
Wann werden wir nach Hause gehen?

Die Kinder fühlen sich in Lwiw sehr wohl, aber sie fragen oft: „Wann fahren wir nach Hause?“ Zuhause ist Zuhause.  Unsere Luft ist dort, unser Land ist dort.  Ich würde gerne zurückgehen, obwohl die Menschen hier großartig sind.

Uns, Menschen aus dem Osten, hat man oft gesagt, dass wir in der Westukraine nicht gebraucht werden, dass wir dort nicht akzeptiert werden.  Ich spreche Russisch, aber die Menschen hier haben uns unglaublich unterstützt.  Ich versuche, auf Ukrainisch zu sprechen.

Es ist ruhig hier, es ist friedlich, es gibt Schlaf, wir werden hier gefüttert und nicht erschossen. 

Es gibt einige Kinder, Wanka (Iwan) zum Beispiel hat während der Bombardierung aufgehört zu sprechen, er ist fünf Jahre alt.  Nach zehn Tagen begann er allmählich zu sprechen, obwohl er Gestammel hatte.

In Lwiw gibt es viele Freiwillige, außerdem organisiert die Stiftung „Stimmen der Kinder“ viele Aktivitäten für Kinder, hilft mit Lebensmitteln und Kleidung.  Unsere Kinder sind hier geschützt.  Man hat uns nicht vergessen und wir schätzen diese Unterstützung sehr.

Lwiw ist auch unser Heimatland, die Ukraine.  Aber ich bin in Lysytschansk geboren und aufgewachsen, ich kenne dort jede Ecke.  Es zieht mich sehr nach Hause.

Wir werden auf jeden Fall wieder zusammenkommen.  Manchmal höre ich von den Familien: „Und wenn wir nirgendwohin zurückkehren können…“. Und ich versichere allen: „Wir werden nach Hause kommen, wenn es sicher ist.  Auch wenn unsere Häuser nicht da sind.  Alles wird gut werden.  Wir werden wiederaufbauen, wir brauchen Frieden.  Wir brauchen einfach Frieden“.