Wie die Hauptfiguren des Films „The Distant Barking of Dogs“ das Filtrationslager der russischen Besatzer überstanden und in die Ukraine zurückkehrten

Wie die Hauptfiguren des Films „The Distant Barking of Dogs“ das Filtrationslager der russischen Besatzer überstanden und in die Ukraine zurückkehrten

Autorin: Anna Argirowa

Oleg wuchs acht Jahre lang mit dem Krieg auf. Sein Dorf spürte als eins von den ersten das Grauen der groß angelegten Offensive. Am 24. Februar versuchte Olegs Familie, in die Westukraine über Mariupol zu fliehen. Erst nach fast drei Monaten gelang es ihnen, in die Ukraine zurückzukehren.

Für Oleg begann der groß angelegte Krieg Russlands gegen die Ukraine einige Stunden früher als für die Mehrheit der Ukrainer. Im Dorf Gnutowe nah an der russischen Grenze war es die tiefste Nacht, als die Russen begannen, die Straße zu beschießen, in der der Junge wohnte. Mit dem ersten Schuss war im Haus der Strom weg. Obwohl es im Haus dunkel war, brannte der Himmel, als ob schon der Tag beginnen würde.

Auf der Uhr stand 2:18

Während der 8 Kriegsjahre lernte Oleg, die Schussgeräusche genau zu unterscheiden. Die Stille kam als etwas Exotisches vor, etwas für sein Heimatdorf nicht Passendes. Der Junge ist 15, und der meiste Teil seines Lebens ist vom Krieg gezeichnet.

Oleg spielte oft Krieg mit seinem Cousin Jaroslaw. Manchmal legten sie einen Teppich vor den offenen Kellertüren aus und versuchten mithilfe vom Spiel zu begreifen, was mit denen passiert. Der Kleinste in ihrer Clique ist Glib, Olegs Cousin. Er ist erst 7. Er ist ein Jahr jünger als der russisch-ukrainische Krieg. „Glib wurde während der Beschüsse geboren, fast im Keller, denn wir saßen dort ständig 2014“, sagt die Oma der Jungen Oleksandra Rjabitschkina.

Glib

An die Beschüsse gewöhnte man sich, man beachtete sie nicht. Sie wurden zum Teil des Lebens vom kleinen Dorf, die einzige Besonderheit dessen die Nähe zur russischen Grenze war.

Aber diesmal war alles anders. Intensive Beschüsse dauerten mehrere Stunde. Der Tag folgte langsam der Nacht, während alles in der Umgebung brannte und krachte. „Das war richtige Hölle, Schrecken, der nicht mit Worten zu beschreiben ist“, erinnert sich Oleksandra Mykolajiwna.

Um fünf Uhr morgens konnte die ganze Familie aus sechs Personen endlich aufstehen. Die ersten Kriegsstunden verbrachten sie auf dem Boden, ohne den Kopf zu heben. „Wir dachten, es ist unser Ende“, sagt die Frau.

Alle waren erschrocken, aber der kleine Glib war vor Angst wie gelähmt. Als es etwas stiller wurde, schlief der Junge ein. In paar Stunden wachte er auf, und die Oma merkte, dass er vor sich hin starrt. Oleksandra Mykolajiwna versuchte, ihn anzusprechen, aber Glib antwortete ihr mit keinem Wort. Schon nach einigen Stunden herrschte rege Bewegung im Dorf, Menschen flüchteten nach Mariupol, um sich zu retten. Unter ihnen war auch Olegs Familie.

Das Leben in einer in Dunkelheit getauchten Stadt

Oleg trug eine leichte Jacke, er nahm nicht viel mit, alle dachten, sie würden in ein paar Tagen nach Hause zurückkehren.  Nach 2014 wurde Mariupol für sie zu einer Festung. Sie waren überzeugt, dass die Stadt nicht berührt werden würde.  Erst später wurde ihnen klar, dass dieser Krieg ganz anders war als der, an den wir uns in den letzten Jahren gewöhnt hatten.

Oleg und Glib

Sie kamen mit Fahrkarten für den Kyjiwer Zug für 24. Februar in Mariupol an, benutzten diese aber nicht.  Mariupol tauchte zu schnell in Dunkelheit ein. 

„Anscheinend ist es gut, dass wir nicht in diesen Zug einsteigen konnten, er hat Kyjiw nicht erreicht, er hat in Saporischschja gehalten“, sagt Oleksandra Mykolayivna.

Am 25. Februar wurde die Stadt geschlossen, es gab nicht einmal die Möglichkeit, in ihr Heimatdorf zurückzukehren.  Die Familie zog zu Verwandten. Acht Leute drängten sich in der Einzimmerwohnung, es fehlte an persönlichem Freiraum, aber das schien niemanden zu stören.  Auch der kalte Boden, auf dem alle schliefen, war nicht beängstigend.

Das ist uns damals einfach aufgefallen.  Nach dem 24. wurde mir klar, dass russland uns gezielt angreift. Das Schlimmste war, dass es unmöglich war, aus der Stadt herauszukommen.  Was mussten die Menschen tun?  Überleben!  Das hat mir große Angst gemacht“, – sagt der 15-jährige Junge.

Bis zum 10. März blieb meist die ganze Familie in der Wohnung.  In nur zwei Wochen stürzte die Stadt ins Chaos.  Es gab keinen Strom, Gas, Wasser oder gar Kommunikation.  Sie wurden rund um die Uhr geschossen. Tag-und Nacht.

Oleg, Jaroslaw, Glib

Am schwersten war es für die Kinder, weil sie nicht verstanden, was geschah.  Aufgeregt wussten sie nicht, wohin sie gehen sollten, anstatt Spiele zu spielen, überlegten sie, wohin sie laufen sollten.  „Es war wie Hysterie“, erinnert sich Oleksandra Mykolayivna.

Es war unmöglich, nach dem 10. März in der Wohnung zu bleiben.  Aufgrund des anhaltenden schweren Beschusses begannen Fenster in der Nähe zu fliegen.  Die Entscheidung war sofort gefallen: Die ganze Familie zog in den Keller.  Früher war dieser geschlossen, aber dann brach jemand die Tür auf.  Etwa 60 Personen waren in einem dunklen, kalten, schmutzigen Raum untergebracht.

Oleg, Jaroslaw, Glib

Der Keller war ziemlich sicher, obwohl die Wände von Zeit zu Zeit von den Explosionen erzitterten.  „Dort war es sehr dunkel und beängstigend“, erinnert sich Oleg.

Die „hellsten“ Erinnerungen des Jungen an diese Zeit in Mariupol, als er und seine Tante unter Beschuss und Fliegerbomben Wasser und Essen holten.  Jeder dieser Überfälle könnte der letzte sein, aber ohne Wasser hätte die Familie nicht überlebt.

Zuerst wurde das Wasser aus der Heizungsanlage abgelassen, abgekocht und dann getrunken.  Als dieses Wasser zur Neige ging, blieb nur noch eine Möglichkeit – ein Brunnen, der noch eine Stunde entfernt war.  Rund um den Brunnen gab es bereits Bestattungen.  Die Menschen standen mehrere Stunden Schlange, um ihre leeren Gefäße zu füllen.

Oleg und Glib

Oleg erinnert sich besonders gut an eine solche Fahrt auf dem Wasser.  Dann dachte er, er würde sterben.  Als er und Tante Alyona einen niedrigen Hügel erklommen, hörten sie plötzlich ein schrilles Pfeifen.  Er fiel sofort zu Boden und tauchte in den Staub ein, der um ihn herum aufstieg.  Oleg versuchte aufzustehen, hörte aber wieder ein Pfeifen.  Zwei Granaten schlugen in der Nähe ein.  Der Junge und seine Tante wurden dadurch gerettet, dass sie sich in diesem Moment auf dem Hügel befanden.  „Ich war überzeugt, dass es uns töten würde“, erinnert sich Oleg.  Aus Angst begann er zu fliehen, ohne an die Richtung zu denken.  Mach einfach weiter.  Alyona bemühte sich, ihn einzuholen.

„Danach habe ich nur noch im Keller gesessen und mit den Jungs gewütet, um nicht an all das zu denken, was um mich herum passiert.  Als sie zu schießen begannen, fand ich keinen Platz für mich: Ich saß oder lag.  Ich geriet in Panik: Was ist, wenn das Projektil auf uns fällt?  Schade für den kleinen Gleb, ich wollte ihn irgendwie aufheitern, aber der Spaß hat uns nicht gefallen“, erinnert sich Oleg.

Kinder haben schon von Weitem das Geräusch von kommendem Flugzeug erkannt. „Der Rabe kommt, der Rabe kommt!“ – hallte im dumpfen Kellertaum. Diese Schreie erhöhten noch mehr die Spannung, die unter Erwachsenen herrschte. Niemand von ihnen wusste, warum die Kinder ein Flugzeug Rabe nannten.

Die Familie von Oleg hatte kein eigenes Auto, und nur mit einem privaten Fahrzeug und unter Beschuss konnte man die von der Ukraine kontrollierten Territorien erreichen. Es gab Fahrer, die gegen Entgelt fuhren, aber solche Summen hatte die Familie auch nicht. Man könnte in die russischen sogenannten Evakuierungsbusse einsteigen, aber keiner dachte daran, in diese Richtung zu fahren. Manchmal boten Menschen Hilfe an, aber es waren gewöhnlich ein oder zwei Plätze, und sie wollten sich nicht trennen. „Sehr viele Menschen haben sich in diesem Krieg verloren“, erklärt Oleksandra Mykolajiwna. 

Darum  beschloss die Familie, in Mariupol zu bleiben.

Überlebensregeln im Krieg

Es gab nicht genug Essen, obwohl die Menschen im Keller das Essen teilten. Wahrscheinlich rettete sie das. Jedesmal, als es scheinte, dass die Lebensmittel fast alle sind, fand jemand auf die magische Weise eine Kartoffel oder Zwiebel. Daraus kochte man eine magere Suppe. Es wurde viel Knoblauch gegessen, davon brachte man noch am Anfang ein ganzes Netz in den Keller. „Wir haben das alles gegessen und überlebt“, erinnert sich Oleksandra Mykolajiwna.

Am meisten fehlte Oleg das Brot.

„Manchmal konnte ich mitten in der Nacht vor Hunger aufwachen. Ich hätte so gerne Brot gegessen“, erzählt der Junge.

Je länger blieben sie in Mariupol, umso schwieriger war es, das Essen zu beschaffen. Oft musste man durch die zerstörten Straßen laufen, die mit Bauschutt voll waren. „Diese Erinnerungen werde ich bis zu meinem Lebensende vor den Augen haben“, sagt Oleksandra Mykolajiwna.

Schrecklicher als die Luftangriffe waren nur die Leichen, von denen es jeden Tag mehr gab. Sie waren überall, sie wurden einfach überschritten, sie fasste man nicht an und wagte nicht, sie zu begraben.

„Ich habe die Leichen gesehen, aber konnte es einfach nicht glauben. Wie ist das überhaupt möglich? Ich verstehe diesen Tod nicht. Da liegen die Menschen, ihr seid unterwegs, und sie liegen tot. Man darf sich daran nicht erinnern, höchstens wie an einen Alptraum“, sagt der Teenager.

Es gab eine ungeschriebene Regel, die einzige, die wirklich half: Dem Toten nicht ins Gesicht schauen. „Sonst hat man es noch lange Zeit vor den Augen“, erklärt Oleksandra Mykolajiwna.

Unter solchen Umständen kehrt man zu den Grundeinstellungen zurück – das Überleben.

„Wir waren wie konserviert, es gab keine Gefühle mehr, nur schreckliche Gleichgültigkeit. Das Einzige, woran wir dachten: Wir dürfen nicht verkrüppelt werden, es ist schlimmer als getötet zu werden“, erzählt die Frau.

Olegs Familie konnte Mariupol nach fast zwei Monaten seit dem Anfang der Blockade verlassen – am 9. April. Aber nicht in ein Gebiet, das von der Ukraine kontrolliert wurde, sondern zurück, ins Heimatdorf. Die Straße nach dem besetzten Gnutowe wurde endlich geöffnet.

Jaroslaw
Das Haus, wo die Fremden wohnten

Zuerst war Oleg froh, in sein Heimatdorf zurückzukehren. Aber dann verstand er, dass es sich änderte. Menschen, die er sein ganzes Leben kannte, verhielten sich anders. Die schwiegen hauptsächlich, und wenn sie sprachen, dann in Rätseln. Sie schienen böse, misstrauisch, manchmal sogar verdächtig. Der Junge verstand nicht, was los ist. Kurze Zeit später ging er in die Schule, er wollte erfahren, wie es seinen Klassenkameraden geht, ob viele Menschen wegfuhren. Aber die Schule veränderte sich auch. Besonders ungewöhnlich war es wahrscheinlich, russische Lehrbücher auf den Tischen zu sehen.

Oleg

Nach den langen Tagen des Lebens im Keller hoffte er, die Wärme des eigenen Zuhauses zu spüren, aber stattdessen spürte man dort die Anwesenheit von Fremden. Obwohl russische Soldaten das Haus schon verließen. Auf dem Boden lagen Fetzen vom Plakat zum Dokumentarfilm „The Distant Barking of Dogs“, wo Oleg einige Jahre zuvor mitwirkte. Die Bettwäsche war schmutzig, wahrscheinlich schliefen Soldaten mit den Schuen darauf, überall waren Müllhaufen

„Ich habe geweint, konnte mich an mein Haus nicht gewöhnen, da gab es Müll, da wohnte man doch, da war es einfach schrecklich. Habe so etwas noch nie gespürt, wie in einem verwahrlosten Haus. Man wollte wegziehen, man hatte Angst“, erinnert sich Oleg.

Das Dorf war gelähmt, Versorgungsleitungen waren immer noch nicht repariert, es gab kein Wasser im Haus. Die Lebensmittelpreise stiegen erheblich. Das Dorf entfernte sich noch mehr von der Zivilisation. Es gab keine Verkehrsverbindung mit der nächsten Ortschaft, die ein Krankenhaus und eine Post hatte. Man konnte die höchstens zu Fuß erreichen.

Olegs Familie entschied sich  zum ersten Mal seit dem Kriegsbeginn bewusst, ihr Zuhause zu verlassen.

Die einzige Möglichkeit, aus dem Dorf herauszukommen, war das Filtrationslager.

Der Weg nach Hause

Bei dem Wort „Filtrationslager“ fühlt man sich peinlich. „Wir haben versucht, nicht nachzudenken, warum solche Lager existieren und warum wir da durch müssen. Wir wollten einfach, dass dieses Grauen so schnell wie möglich vorbei ist“, sagt Oleksandra Mykolajiwna.

 Oleksandra Mykolajiwna

Nach der Ankunft in so ein Lager wurden alle in verschiedenen Zelten aufgeteilt. Frauen, Männer und Teenager getrennt. Theoretisch sollte man einige Fragen beantworten, um einen Passierschein für den Grenzübergang zu bekommen. Praktisch ähnelte das eher einem Verhör.

Haben Sie Bekannte bei Militärs?

Haben Sie der Armee geholfen?

Haben Sie Tattoos? Zeigen Sie.

Warum haben Sie Ihre soziale Netzwerke entfernt?

Wer ist der Mensch auf dem Foto in Ihrem Telefon?

Schließlich bekamen alle sechs Familienmitglieder Passierscheine. Endlich konnten sie die Grenze überqueren. Vor ihnen lag ein mehrtägiger Weg durch Russland, Lettland, Litauen und Polen, damit sie in die Ukraine zurückkehren können.

„Wir haben überlebt, weil wir zusammen hielten“, ist Oleksandra Mykolajiwna überzeugt. „Wenn man zusammen ist, hat man keine Angst“, fügt Oleg hinzu. Nach allen Erlebnissen gesteht er, dass er besser geworden ist, er möchte mehr den Menschen helfen. „Ich weiß, wie das ist, wenn die Situation schwierig ist und man nichts hat“, sagt der 15-jährige

In der Stille von neuem Zuhause versucht man, nicht an die Ereignisse der letzten Monate zu denken. „Aber man möchte immer Krieg spielen“, gesteht Oleg.

Oma sagt, dass das Verhalten der Kinder sich stark änderte. Trotz bedingter Sicherheit normalisierte sich ihr psychologischer Zustand noch nicht. Manchmal verschließen sie sich, oft sind sie gereizt und aggressiv. Oleksandra Mykolajiwna selber möchte ständig schlafen: „Ich kann nicht genug die Stille genießen, die es hier gibt. Wir haben acht Jahre nicht geschlafen, es wurde alle acht Jahre geschossen. Obwohl es nicht in der Nähe war, aber wir haben die Explosionen gehört, und jetzt kann ich nicht glauben, dass ich in der Stille schlafe“.

Oleg, Jaroslaw, Glib

Zur Zeit erholt sich die Familie. Sie leben in einem Dorf auf dem von der Ukraine kontrollierten Territorium. Nach Gnutowe kehren sie erst zurück, wenn es unter ukrainischer Macht steht. Und solange das nicht der Fall ist, leben sie weiter. Wie viele andere Ukrainer, sind sie bereit, das Leben an einem neuen Ort aufzubauen.


Mehr Kindergeschichten finden Sie hier

Auf unserer Website finden Sie alle Videogeschichten unserer Helden sowie interessante und nützliche informationen youtube kanal.